Kieferorthopädische Behandlung mit Lingualtechnik

Verfasser: Peter Diedrich, Paul-Georg Jost-Brinkmann, Ingrid Rudzki, Rainer Schwestka-Polly (federführend)

Einleitung
Die kieferorthopädische Behandlung mit Lingualtechnik, bei der die Brackets der festsitzenden Apparatur auf der Innenseite von Front- und Seitenzähnen geklebt werden, ist ein junges Teilgebiet der Kieferorthopädie. Die grundlegenden Konzepte basieren auf Arbeiten von Kinya Fujita, Japan, aus dem Jahre 1979 sowie von Craven Kurz und Mitarbeitern, Vereinigte Staaten von Amerika, aus dem Jahre 1982. Inzwischen hat die Methode insbesondere in Europa und Asien einen boomartigen Anstieg erlebt. Durch den Einsatz moderner Technologien bei der Bracketherstellung, der Fertigung und Programmierung orthodontischer Bögen sowie ausgereifter Behandlungsprotokolle lassen sich Therapieergebnisse erreichen, die dem „state of the art“ moderner internationaler Kieferorthopädie entsprechen.
Die kieferorthopädische Therapie mittels Lingualtechnik kann mit konfektionierten oder individuell angepassten Apparaturen erfolgen. Behandlungssysteme der Lingualtechnik können mit Verankerungsmitteln wie Mikroschrauben und Gaumenimplantaten, Aufbissbehelfen oder einer fest eingegliederten Herbstapparatur kombiniert werden. Die Anwendung bei kombiniert kieferorthopädisch-kieferchirurgischen Behandlungen ist ebenfalls möglich.

Grundsätzliche Vorteile der Lingualtechnik für die Kieferorthopädie
Die Lingualtechnik zeichnet sich durch einige entscheidende Vorteile aus: Die Apparatur ist nahezu unsichtbar und stellt so eine Alternative für Patienten dar, die aus beruflichen Gründen eine sichtbare kieferorthopädische Therapie nicht akzeptieren können. Dekalzifikationen an den leicht einsehbaren vestibulären Zahnflächen werden zudem vermieden, sie treten lingual in deutlich geringerem Maße auf. Biomechanische Vorteile ergeben sich dadurch, dass die lingual befestigte Apparatur bei vertikaler Betrachtung näher am Widerstandszentrum der Zähne liegt, womit sie insbesondere bei exvertierten Schneidezähnen eine bessere Kontrolle der sagittalen Zahnachsenposition ermöglicht; eine aktive Bisshebung ist leichter zu erreichen als mit einer vestibulär fixierten Apparatur; die reduzierte Interbracketdistanz führt zu einer besseren Behandlungsmöglichkeit in der transversalen Ebene.

Indikationen der Lingualtechnik in der Kieferorthopädie
Die Lingualtechnik erlaubt die Behandlung von Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen; dabei dominieren bei den Letztgenannten individuell hergestellte Apparaturen.

Fortgeschrittene parodontale Erkrankungen, die eine Therapie mit Segmentbogen-Technik benötigen, stellen jedoch eine Kontraindikation für die Lingualtechnik dar.

Besonderheiten der Therapie mit Lingualtechnik
Zu Behandlungsbeginn können bei lingualer Bracketfixation Beschwerden im Bereich der Zunge und Probleme bei der Sprachlautbildung sowie beim Zusammenbeißen auftreten. Grundsätzlich ist eine sehr gute Mundhygiene Voraussetzung für diese Therapie.

Zusammenfassende Bewertung
Transversale, sagittale und vertikale Malokklusionen (Zahnfehlstellungen und Gebissunregelmäßigkeiten im dento-alveolären, dem zahntragenden Bereich) sind mit Lingualtechnik uneingeschränkt behandelbar, das kieferorthopädisch geplante Behandlungsresultat kann mit beeindruckender Präzision erreicht werden.

Die anatomische Variabilität der lingualen Zahnoberflächen erfordert in der Regel das Befestigen der Brackets mittels einer indirekten Klebetechnik, die auch als Basis für eine erfolgreiche Therapie angesehen wird.

Eine Therapie mit lingualen Apparaturen führt zu hohen Labor- und Materialkosten. Die Behandlungskosten stehen über dem Anspruch der im Rahmen einer vertragszahnärztlichen Versorgung vorgelegten „wirtschaftlichen, ausreichenden, notwendigen und zweckmäßigen Therapie“.

Im Vergleich zur herkömmlichen Vestibulärtechnik stellt die Komplexität der Lingualtechnik sowie die Andersartigkeit einzelner Behandlungsschritte eine anspruchsvolle Herausforderung für die klinische Umsetzung dar, der eine weiterführende Spezialausbildung nach Abschluss der kieferorthopädischen Weiterbildung gerecht wird.

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